Kein Film sorge für mehr Aufregung im Jahre 2005 als dieser australische Low-Budget-Reißer von Greg McLean, der sich jüngst mit seinem Killerkrokodil „Rogue“ dem Tierhorrorgenre zuwandte.

 

Nach wahren Begebenheiten entstand der Film angeblich. Ein Trick, der nicht neu ist, um von vorne rein das Publikum schon für sich zu gewinnen. Nach demselben Prinzip vermarktete schon Tobe Hooper im Jahre 1974 seinen „Texas Chainsaw Massacre“. Genauso dessen Remake aus dem Jahre 2003. Doch wie so oft ist entweder gar nichts oder nur ein Hauch davon Realität. Was den spekulativen Wahrheitsgehalt von „Wolf Creek“ angeht, ist hier tatsächlich mehr wahr als anfangs vermutet. Zwar ist die Story wie im Film erzählt rein fiktiv, deren Morde jedoch nicht. Regisseur Greg McLean vermischte mehrere Morde zu einem Mehrfachmord. Auch agiert sein ganz persönlicher „Serienkiller“ ähnlich nach den Mustern der „Vorbilder“.

 

as war es dann eigentlich auch schon mit dem Wahrheitsgehalt. Doch das reicht schon um Interesse zu wecken. Das australische Kino ist eher unbekannt in Deutschland, allerhöchstens „Crocodille Dundee“ mag dem ein oder anderen etwas sagen. Doch nun wollen es die Australier wissen und legen einen Folterfilm vor, der seinesgleichen sucht. Mit dem globalisierungssatirischen Folterschocker „Hostel“ wurde er von diversen Kritikern verglichen. „Fast so gemein wie – aber besser als Hostel“ warb eine lokale TV-Zeitschrift. Doch wie viel Folter und „Hostel“ steckt wirklich hinter „Wolf Creek“? Wird er Eli Roths Kassenschlager gerecht? Oder ist es doch nur wieder ein gewagter Versuch, etwas Neues zu erfinden?

Liz, Kristy und Ben sind 3 junge Erwachsene, welche in Australien Urlaub machen wollen. Liz und Kristy kommen aus Großbritannien, Ben ist ein „Einheimischer“. Er kommt aus der „Hauptstadt“ Sydney. Wie sie sich kennen gelernt haben, wird nicht erzählt, jedoch scheinen sie sich relativ gut zu kennen und sie beschließen, den berüchtigten Kometenkrater „Wolf Creek“ zu besichtigen. Alles läuft gut, bis auf ein wenig Regen und der langen Fahrt ist die Stimmung fröhlich und lebensbejahend. Doch sobald die 3 wieder zurückkehren wollen, ist es aus mit der Freude. Ihr Wagen springt nicht an, irgendetwas stimmt mit dem Motor nicht. Urplötzlich erscheint Hilfe. Mick Taylor bietet ihnen an, bei sich „zu Hause“ den Wagen zu richten. Nach kurzem Überlegen willigen sie ein und folgen ihm. Doch was sie dort erwartet, hätte wahrhaftig keiner von ihnen gedacht. 

 

Die Story ist ziemlich schnell und selbsterklärend erzählt, anzumerken wäre noch, dass das eigentlich Intro, sprich die Titeleinblendung und die Auflistung der Cast & Crew erst nach knapp 8 Minuten erscheint. In diesen ersten 8 Minuten baut McLean die Charaktere der Protagonisten auf, was ihm einigermaßen auch gut gelingt. Nur macht der Film gerade anfangs rein optisch den Eindruck einem US-Teenslasher-Movie wirklich alle Ehre. Perfekte Körper, glatt polierte Optik und Seifenoperdialoge. Zum Glück gibt sich McLean nicht damit zufrieden und schmückt den Einstieg noch mit hübschen Naturaufnahmen der australischen Landschaft. Doch sobald der Titel „Wolf Creek“ den Bildschirm schmückt ist es aus mit der unbeabsichtigten US-Teenslasher-Hommage.

Wie die Inhaltsbeschreibung schon verrät, spielen hier sehr wenige Schauspieler mit. Genau genommen gibt es 4 Hauptdarsteller und eine Handvoll Nebendarsteller, die zwar zwangsweise nicht den Fortgang der Story bestimmen, aber auch nicht gänzlich unnötig gewählt worden. In der ersten halben Stunde baut McLean gekonnt eine psychedelische Atmosphäre auf, die sehr von der sparsam als auch sehr schlicht gewählten Musikauswahl unterstützt wird. Im amüsanten Audiokommentar der Macher erfährt man, dass gerade die Musik eine sehr wichtige Rolle spielt, aber gerade die eher improvisiert erstellt wurde. Die besteht meist nur aus unaufwendigen Tonlagen und größtenteils auch nur aus bizarren Soundeffekten, die an das Terrorkino der 70er/80er Jahre erinnert; aber auch Kenner des jüngeren europäischen Horrorkinos werden just an Alexandre Aja’s „High Tension“ denken. 

 

Erstaunlich ist vor allem, dass gerade das unwichtige „Gelaber“ der ersten halben Stunde sowie deren diffizil aufgearbeiteten Liebespart sehr schön zur Atmosphäre beisteuern. Ein Hauptpunkt ist vor allem die undadaistische Vorhergehensweise des Regisseurs der Vorkommnisse. Es macht alles Sinn. Es hat alles seinen korrekten Ablauf. Man fühlt sich beinahe sogar wie in einer Dokumentation, da das Spiel der 3 Freunde authentisch und überzeugend rüberkommt. Auch wenn die Dialoge eher Standard als meisterhaft sind, hört man dem sinnlosen Gelaber gerne zu, auch wenn es den ein oder anderen negativ aufstoßen mag. 

Bis zu diesem Punkt scheint der Film solide und gut. Auch nett anzusehen ist die Anspielung auf UFO-Entführungen. McLean hatte wohl vor, dem Zuschauer damit in den Bann zu ziehen und im entscheidenden Augenblick jenes auch zu schocken, doch das ging gehörig in die Hose.

Die 2. Hälfte muss leider sehr viel an der starken Atmosphäre einbüßen. Man macht nun Bekanntschaft mit Mick Taylor, der sich als eine art „Zigeuner“ herausstellt. Jedoch steckt hinter dieser Maskerade ein bestialisches Monster. Dem Film wird eine krasse Wendung spendiert. Wer das nervlich nicht aushält sollte den Rest meiden. Der Audiokommentar verrät indes, dass sogar einige Leute ab diesem Punkt den Kinosaal verließen. Hier gelangt man quasi zum „Hostel“-Part. Die erste wird gefoltert. Man sieht sie gefesselt, doch sie ist wach. Mick spielt mit ihr im Grunde. Provoziert und verurteilt zugleich. Der Zuschauer muss alles erleiden, da die Kamera konsequent das Geschehen filmt – bis zum interpretationslastigem Ende. Es wird blutig, es wird grausam. Und eklig teilweise auch. Dazu gehört nicht nur das Abhacken der Finger im Sekundentakt. Was jedoch sehr kontrovers aufgenommen wurde, sind die Gründe und Beweggründe des Täters. Es gibt nämlich keine. Jedenfalls hielt es McLean für nicht nötig, welche zu erläutern. Während in gängigen US-Serienkillerfilmen fast schon negativistisch proklamierend die Beweggründe offensichtlich auf dem Tisch präsentiert werden, ist dieser Film sehr verschlossen. Man erfährt nichts – und wird auch nie was erfahren. Jeder darf selbst interpretieren – sofern es überhaupt etwas zu interpretieren gibt. Denn ab diesem Zeitpunkt, als klar wird, dass es der Täter ernst meint, setzt der Film auf plakativ-drastische Folterszenen, die zwar Zartbesaitete sehr schnell ekeln können, aber im Grunde doch keine Erneuerung des Genres sind. 

Nett anzumerken jedoch ist, dass McLean mit dem Publikum spielt und die Genres auf dem Kopf stellen. Im Grunde schon fest verankerte US-Horrorfilm-Klischees werden gnadenlos aufgebrochen und auf den Kopf gestellt – um einen besonderen Schockeffekt zu bewirken. Was teilweise auch ziemlich gut klingt. Doch bei all dem Versuch, Schockmomente und hastige Fluchtversuche zu inszenieren, hatte er anscheinend keinen Kopf mehr für die Outbreak-Atmosphäre. Schade eigentlich. Immerhin gelingt es im gen Ende wieder etwas Atmosphäre aufzubauen – und Steven Spielbergs „Duell“ wird ironisch Referenz erwiesen.

Was jedoch die religiös-veranlagte Kreuzigung von Ben hier zu suchen hat, ist fragwürdig. Da der Film in keinster Sekunde religiöse Ansichten auf irgendeine Art anspricht, sind das Ende und der Fluchtversuch von Ben besonders für Neueinsteiger sehr verwirrend. Was bedeutet seine Kreuzigung? Wieso muss er so leiden wie einst Jesus? Was will uns McLean damit sagen? Fragen über Fragen – doch keine Antwort. Der Film hält sich allgemein mit Antworten sehr zurück. Deswegen ist das Ende auch so interpretationslastig.

 

Greg McLeans Film ist ein spannendes Stück Survival-Schocker, doch mehr auch nicht. Die anfangs sehr stark und intensiv aufgebaute, naturalistische Atmosphäre trägt viel zur Grundstimmung bei, doch das Gemetzel am Ende nimmt dem Film viel von seinem Potenzial. Verstörung wurde hier viel hineinterpretiert. Verstörend kann man das Werk schon bezeichnen, doch bei Licht betrachtet ist es das keineswegs. Denn gerade weil er seinen Killer so vermummt und keinen Raum für Antworten lässt, bleibt die gewollte Verstörung auf der Strecke, da dadurch auch der solide Spannungsaufbau einige Durchhänger hat. Und reine, unkritische Folterszenen sind nicht immer verstörend. Das beweisen eindrucksvoll die „Saw“-Filme. Sie sind zwar krank und widerlich, aber nicht verstörend. Wer Verstörung zeigen will, muss etwas weitergehen als nur seine Opfer zu kreuzigen oder bis zur Verstümmelung zu jagen. „High Tension“ ist absolutes Verstörungskino – denn nach diesem Film hat sich der Film indirekt etwas orientiert. Das ist ihm zwar nicht gelungen, aber für Horrorfans ist der Film mehr als empfehlenswert, da die Folterszenen eben sehr drastisch sind und gerade deswegen für jene interessant sein können.